P1100130 (2)Im Aldi an der Kasse stehe ich, weil ich nur kurz noch was kaufen musste das ich fürs Mittagessen brauche. Die Schlange ist ziemlich lang, ich reihe mich ein. Vor mir steht eine alte Dame. In ihrem Wagen ist nicht viel drin. Sie lebt bestimmt alleine. Hoffentlich ist sie nicht einsam. Sie sieht so nett aus, ordentlich die Haare, schön dezent geschminkt, knallige rote Tasche. An der Schlange läuft eine andere ältere Frau vorbei um sich auch einzureihen. Sie kennt die Frau vor mir, Begrüßung, dann hebt sie den Ton und ruft: „Das gibt’s doch nicht, nur eine Kasse offen. Das ist doch nicht die Möglichkeit.“ Ihr Ton ist barsch und eigentlich sagt sie das nicht zu ihrer Bekannten vor mir in der Reihe, sondern zu der Kassiererin. Ein Rentner (altersmäßig wage ich das zu behaupten) fühlt sich ermutigt und sagt auch lauter als nötig: „So eine lange Schlange, das ist ja unverschämt.“ Eine Mutter mit Kind im Buggy sagt erklärend, wieder mehr zur Kasse gewandt, als zu den Umstehenden: „Bei Lidl gibts das nicht. Da wird sofort eine Kasse aufgemacht, wenn mehr als 2 Leute anstehen.“ Ich bin still. Mir ist das irgendwie unangenehm, dieser Ton, die Art und Weise. Ich stehe echt ungern an, weil ich echt ungeduldig bin. Andererseits ist mir völlig klar, dass ich an anderen Stellen meines Tages effektiver und strukturierter sein könnte um Zeit zu gewinnen und dass die Wartezeit in der Schlange kein existentieller Zeitverlust ist, für den ich die Kassiererin verantwortlich machen könnte. Die ältere Dame vor mir in der Schlange hebt nun auch ihre dünne Stimme. Sie ergreift Partei für das Aldipersonal, dass sie noch so viel nebenher machen müssen, dass doch gerade die schlimme Krankheitszeit ist und sicher jemand ausgefallen ist. Sie läuft nach vorne, bittet höflich und freundlich um Öffnung einer weiteren Kasse, direkt an die Kassiererin gerichtet. Die Leute um sie verstummen und stellen sich an. Ihre Bekannte, die nun an der weiteren Kasse bedient wird, bedankt sich beim Personal und wünscht ein schönes Wochenende. Freundlichkeit kann ansteckend sein. Und die Frau vor mir wird zur Alltagsheldin, zu meiner Alltagsheldin, weil sie nicht mosert, sondern tut, nicht vorwurfsvoll, sondern freundlich, nicht durch indirekte Ansagen, sondern durch direkte Offenheit. Sie hat Servietten aufs Band gelegt. Ich hoffe, dass sie Besuch erwartet am Wochenende und nicht alleine ist. Für diesen Augenblick mit der alten Dame, die eine kleine Alltagssituation verändert hat, bin ich heute dankbar.

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