Inneres sortieren

Nach einem meiner Vorträge kam eine Frau auf mich zu. Ich hatte erwähnt, dass ich regelmäßig Tagebuch/Gedankenbuch schreibe und das fand sie irgendwie nicht gut. Sie sprach von ungesunder Nabelschau, von egozentrischem Verhalten, von Ich-Bezogenheit. Das interessante für mich dabei ist 1. wieder einmal festzustellen, wie unterschiedlich wir Menschen sind, denken und werten. Ich würde nie auf die Idee kommen, dass mein Gedankenbuch schreiben eine egoistische Handlung ist. 2. Ich wurde dadurch nicht verunsichert. Vor ein paar Jahren wäre ich nach Hause gefahren mit der Überlegung mein Schreiben in meinen Notizbüchern zu beenden, weil ich auf keinen Fall egoistisch sein möchte. 3. Hätte sie ein Gedankenbuch/Tagebuch, dann wäre ihr vielleicht aufgefallen, dass ihre Kritik sehr vehement, sehr dominant von ihr geäußert wurde. Es entstand kein Raum für ein Gespräch. Ihre Sicht auf die Dinge schien die einzig richtige Möglichkeit zu sein.

Ich liebe meine persönlichen Notizen. In diesen Momenten wird die Welt um mich und in mir stiller und ich fokussiere mich ganz auf einen Gedanken, beleuchte ihn von mehreren Seiten, vielleicht habe ich noch ein Zitat aus einem Buch, das dazu passt und eine Überlegung unterstützt. Es gibt Themen über die würde ich nicht reden, aber über sie schreiben, das geht. Es hilft mir zu reflektieren, innezuhalten, nicht einfach aus einem Gefühl heraus zu reagieren. Es sind viele Gebete dabei, viele Zitate aus der Bibel, viele Fragen… Und in Zeiten wie diesen ist mir diese Gewohnheit besonders wichtig. Was genau stresst mich? Was fordert mich heraus? Wofür bin ich besonders dankbar? Was schätze ich auch genau an dieser Zeit? Was lerne ich daraus, was nehme ich mit? Diese Dinge verschwinden, wenn ich sie nur denke… dann sind es Schäfchenwolken am Gedankenhimmel. Aber, wenn ich sie aufschreibe, dann bekommen sie Wurzeln, können Neues entstehen lassen, manches Alte an Überzeugungen oder Ideen muss dann weichen. Es ist einer meiner wichtigsten Möglichkeiten einen Umgang mit mir selbst zu finden. Heute bin sehr dankbar für diese stille Gewohnheit.

einen Tag

Das lerne ich gerade: das Durchhalten. Im Moment möchte ich morgens so gerne liegenbleiben, nicht zusammensuchen was an Material von den Schulen gekommen ist, nicht motivieren und erklären. Ich möchte so gerne in aller Stille einen Tag verbringen, das Schleudern der Waschmaschine überhören, die klebrigen Fußböden übersehen, die vielen Dinge, die auf 85qm anfallen, wenn 4 Menschen überwiegend zu Hause sind… Ich möchte lesen und spazieren gehen, einen Tag auf keine Frage antworten. Einen Tag keine Nachrichten, keine Stimmungen, keine Launen. Einen Tag ohne Reize, zurückgezogen… Einen Tag. Ich bin dankbar, dass es Abend ist, dass sich die Stille über diesen Tag legt und ich jetzt lesen kann.

unerfüllte Wünsche

Eine Situation am morgen löst es mal wieder in mir aus: das Gefühl zu kurz zu kommen, dass es anderen besser geht als mir, dass ich übersehen werde, dass es mir an etwas fehlt… Sie sind selten geworden, diese Gefühle und doch alt bekannt. Trotz Sammeln von Dankesmomenten, trotz all den wunderschönen Situationen, Menschen, Dingen um mich herum.

Im Spätdienst desselben Tag komme ich zu einer Frau in meiner Tour, die erst seit kurzem unsere Unterstützung braucht (Ich bin Krankenschwester im ambulanten Pflegedienst). Sie ist sehr alt, sehr gepflegt, sehr freundlich. Ihre Frage an mich: „Warum kommen sie nicht jeden Tag?“ Ich erkläre, dass ich drei Töchter habe und als Teilzeitkraft arbeite. „Das ist ungerecht.“ Tränen schießen ihr in die Augen. Ich schaue sie verdutzt an, weiß überhaupt nicht was sie meint. Dann platzt es aus ihr heraus: „Ich habe zwei Söhne, mein größter Wunsch war immer eine Tochter. Ich habe keine und sie haben gleich drei. Das ist ungerecht.“ Sie fasst sich wieder, erzählt, dass sie ihre Schwiegertöchter sehr schätzt, aber ihr Schmerz, ihr unerfüllter Wunsch ist deutlich spürbar. Und macht mich nachdenklich: Es gibt tatsächlich Dinge, die ich in meinem Leben habe, die jemand anderes auch gerne hätte. So wie ich morgens in das Leben einer anderen Frau geschaut habe und dachte: Das ist ungerecht. Wieso sie und ich nicht? Es macht mich nachdenklich, weil ich nicht möchte, dass mir im Alter die Tränen kommen, wenn ich über unerfüllte Wünsche spreche, dass der Schmerz darüber noch immer eine solche Präsenz hat. Eine Lösung habe ich dafür nicht. Aber ich werde weiterhin meine Dankesmomente sammeln, den vielen unscheinbaren Momenten Bedeutung geben und mich mit dem Gedanken anfreunden: dass es bis ins hohe Alter unerfüllte Wünsche geben wird, dass sich nicht alles in meinem Leben erfüllen wird, dass nicht jeder Lebenstraum in Erfüllung gehen wird. Wenn ich lerne mit diesem Gedanken und dieser Tatsache nicht zu hadern und es annehme, ist der Schmerz im Alter darüber vielleicht nicht mehr so präsent. Für diese Begegnung bin ich sehr dankbar, sie lehrt mich so vieles!

Aufmerksamkeit und Beobachtung

Mit Blumen und einem Gruß mache ich mich auf den Weg zu meiner Arbeit um mich von meiner Chefin zu verabschieden, denn sie geht in Rente. Ich bedauere das, denn sie hat diesen Posten so kompetent gefüllt. Und das möchte ich gerne zum Ausdruck bringen. Mich zu bedanken bedeutet nicht, dass ich mich einschleimen will. Denn diesen Vorwurf hört man manchmal im Berufsleben. Nein, beim Bedanken geht es für mich nicht darum, dass ich Vorteile aus dieser Geste schlagen möchte. Sondern, dass ich Fähigkeiten meines Gegenübers, Gaben, Eigenschaften benenne, für dich ich dankbar bin. Es bedeutet in meinen Augen auch nicht, dass ich den anderen uneingeschränkt bewundere, es nie eine herausfordernde Situation gab oder alles perfekt am anderen ist. Dankbarkeit ist, dass ich wahrnehme, was positiv ist, dass ich es in Worte fasse, zum Ausdruck bringe und evt. mit einer Geste unterstreiche. Das war mir heute wichtig, trotz meiner Bedenken. Meine Chefin war total überrascht. (Nach Corona gibt es dann eine offizielle Verabschiedung.) „Das ist doch nicht nötig!“ ihre Worte. Doch, Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen ist so nötig, weil Kritik oft viel schneller über die Lippen kommt. Dankbarkeit ist eine Form der Aufmerksamkeit und Beobachtung im Alltag und das will ich immer weiter üben, auch im Umgang mit Menschen.

Kinder, Kuchen, Küken

„Mama, findest Du es toll drei Kinder zu haben?“fragt meine Jüngste im Auto. „Auf jeden Fall“, antworte ich und teile meine Dankesmomente an diesem Tag mit dem Fokus darauf, warum es so schön ist Mama von diesen drei Mädels zu sein.

Meine Mädels wollen einen Kuchen backen. So lege ich das Rezept hin, die Eine machte den Teig für den Boden, die Andere rührt die Zutaten der Füllung zusammen. Beide können das nun, weil sie wissen, was Mengenangaben bedeuten, wo der Zucker steht und wie man ein Ei aufschlägt. Das Beobachten von drei Kindern, die dazulernen, sich weiterentwickeln ist und bleibt ein wundervoller Dankesmoment.

Auf der Autofahrt erzähle ich meinen Mädels Geschichten aus ihrem Kleinkindalter. Sie lieben es zu hören, welches ihre ersten Wörter waren, was sie am liebsten gegessen haben und meine Große kann sich überhaupt nicht mehr vorstellen, dass Leberwurst mal zu ihren Favoriten zählte. Wir sind nicht nur Mama und Töchter durch die Geburt, sondern auch durch die Geschichten, durch die wir miteinander verwoben, verbunden sind.

Ich habe heute eine Menge über Spinnen und ihre Netze erfahren. Das interessiert mich nur, weil meine Mittlere mir all diese Informationen erzählt. Und zur Retterin von Fliegen, Käfern und anderen Kleinzeugs wurde ich nur, weil sie mich dazu gebracht hat. „Mama, du darfst die Spinne nicht töten.“

Eine liebe Bekannte hat neuen Familienzuwachs in Form von Küken. Den ganzen Nachmittag verbringen wir in ihrem wundervollen Garten, mit Hühnern, Küken, Katzen in wunderschöner Atmosphäre (Wir waren natürlich draußen und auf Abstand. #corona) Sicherlich hätte sie mich nicht gefragt, ob ich die Küken anschauen möchte, wenn ich nicht drei Kinder hätte. Und weil mein großer Traum tatsächlich ein Garten mit Hühnern ist, bin ich so dankbar für die kleinen Küken heute auf meiner Hand.

Osterwochenede

„Alles beginnt mit Karfreitag“, und so freue ich mich auf die Impulse, die die Pastoren unserer Gemeinde online zusammengestellt haben. Ich liebe diese besonderen Tage, diese Erinnerungstage… Alles beginnt mit der Idee den Wecker nachts auf 3 Uhr zu stellen und zu „wachen“. Angelehnt an die Situation von Jesus mit seinen Jüngern im Garten Gethsemane. Ich bin bereit, der Wecker ist gestellt, die Bibel liegt bereit, mein Gedankenbuch und mein Gebetsbuch auch… Ich freue mich tatsächlich auf viele besinnliche Stunden am Karfreitag. Auch mit unseren Mädels haben wir so einiges geplant um ihnen diesen Gedenktag wieder neu zu erklären.

Ich werde geweckt, allerdings nicht vom Wecker, sondern ein paar Stunden früher von meiner Tochter. Sie hat Schmerzen. Tatsächlich dauert es Zeit, Trost und diverse Hausmittel bis sie wieder eingeschlafen ist. Ich habe mich auf die 3 Uhr Stille Zeit gefreut, auf Kontemplation und Besinnung. Um 3 Uhr sind andere wach, ich bin froh, als meine Tochter wieder schläft und auch ich wieder eingeschlafen bin. In den Tag stolpere ich dann, es muss ein Rezept besorgt werden, eine Apotheke, die am Karfreitag offen hat. (Meiner Tochter geht es mittlerweile wieder gut!)

Am Samstag bekomme ich einen Anruf von meiner Kollegin. Am Ostermontag bin ich einer Feiertagstour zugeteilt, in der ich viele Patienten nicht kenne und bekomme eine Übergabe. Mich beschäftigt, dass ich diesen Mundschutz tragen muss, dass meine Hautfarbe bei vielen älteren Leute erst einmal Irritation auslöst und die abgedeckte Hälfte des Gesichtes nicht gerade zum Vertrauensaufbau beiträgt.

Meine Wohnung ist nicht schön aufgeräumt und geputzt, wie ich das von Festen kenne. Ich habe es einfach nicht geschafft. Im Gegenteil: mein Mann wird mit Ostergrüßen in das Wohnheim gehen, in dem unzählige Menschen aus verschiedenen Ländern, auf viel zu engem Raum wohnen. In Zeiten von Corona darf er dort keine Besuche mehr machen, was meinem Mann viel ausmacht, aber einen Gruß vor die Türen stellen und von Weitem winken, das lässt er sich nicht nehmen. Da der Inhalt aber nicht in fertige Tüten passt, bastel ich diese selber, bin mal wieder überrascht, wie lang so eine Aktion dauert und dass wenn ich kreativ werde irgendwie jeder Raum im Chaos untergeht und ich doch gerade noch die Schere in der Hand hatte…

Heute schildere ich die unangenehmen Momente meines Wochenendes.(Es gab aber auch unzählig viel Schönes!!! Wunderbare Spaziergänge, Menschen, die an uns gedacht haben, eine aufregende Osterschatzsuche, Dankesmomente sammeln als Familie…).

Die unangenehmen Momente schreibe ich deshalb auf, weil das Ostern für mich bedeutet: Gottes Gegenwart hängt nicht von meinen Gefühlen ab, ob ich mich fröhlich österlich fühle, wenn meine Wohnung glänzt und ich viel Zeit für Besinnung habe und Kontemplation. Er ist mit mir, wenn ich nicht im Gedenken an ihn wache, sondern, die Hand meiner Tochter halte, weil sie nicht einschlafen kann. Er ist bei mir, wenn ich mich verunsichert fühle auf den kommenden Dienst mit neuen Patienten. Er steht zu mir, auch wenn ich mich dafür schäme, dass Ostern 2020 irgendwie viel Chaos und wenig Ruhe beinhaltete. Und deshalb liebe ich Jesus und deshalb liebe ich Ostern. Jesus begleitet mich in meinem Alltag und all das Unvollkommene ist bei ihm willkommen. Ich bin unvollkommen, ich bin bei ihm willkommen. Für dieses Ostern 2020 bin ich heute sehr dankbar…

Mundschutz und Parfum

Vom Robert-Koch-Institut veranlasst, muss das Personal in der ambulanten Pflege seit geraumer Zeit auch einen Mundschutz tragen. Wie vielerorts hat es bei uns (im Moment) auch nur den einfachen Mundschutz und keine tatsächlich ausreichenden Mundschutzmasken. So habe ich mir einen Mundschutz selber genäht um ihn unter den vorgeschriebenen Mundschutz zu tragen.

Der Geruchssinn ist in der Medizin von Bedeutung. Früher natürlich noch viel mehr als heute. Aber das fasziniert mich. Krankheitsbilder, die äußerlich noch keine Symptome zeigen, können sich schon in Form des Geruchs ankündigen. Wunden, die nicht gut verheilen riechen. Entzündungen, Lebererkrankungen… Der veränderte Geruch kann über den Atem, über die Haut, den Urin wahrnehmbar sein… Eine faszinierende Sache.

Ich habe eine feine Nase. Das ist manchmal schwierig, vor allem in der ambulanten Pflege. Denn hier leben die Menschen bei sich zu Hause, nach ihrem Hygieneempfinden, auf ihre Art und Weise. Und jetzt kommt mein Dank für diese wundervolle Stoffmaske, die ich nach jeder Schicht einfach mitwasche. Sie wird eigentlich zum Schutz vor Corona eingesetzt, aber ich sprühe Parfum darauf und laufe die ganze Schicht in einer wunderbaren Duftwolke herum. Mein Mann hat schon angekündigt, wenn wir die Masken irgendwann nicht mehr brauchen, werde ich immer noch damit zu sehen sein, weil es die (für mich) schwierigen Gerüche so wundervoll ausblendet. Eine wundervolle Sache, diese Stoffmasken. Heute bin ich dankbar für kreative Lösungen, wie diese Stoffmaske, gut duftende Parfums und die wunderbare Schöpfungsidee – Nase und Geruchssinn.

Diesen Mundschutz hat eine liebe Bekannte genäht, weil meiner gerade in der Wäsche ist.

Das Beispiel der Vögel

Dinge bekommen Bedeutung, weil wir uns auf diese fokussieren und ihnen Bedeutung geben. Auch, wenn sie rational betrachtet nicht ganz so sind. Für mich ist mein folgender Dankesmoment von Bedeutung, auch, wenn er unter wissenschaftlichen Aspekten sicher nicht haltbar ist.

Morgens trinke ich des öfteren meine erste Tasse Milchkaffee auf meinem kleinen Balkon, dessen Aussicht die Hauptstraße ist. Ich liebe es sehr, dass hier auch die Vögel zwitschern und ihrem morgendlichen Ritual des Singens nachkommen. Irgendwann wurde mir bewusst, dass sie immer singen und zwar beginnen sie damit, wenn es dunkel ist. Sie singen in die Dunkelheit hinein und haben noch keine Ahnung davon wie der Tag wird. (Wie gesagt, es hat für mich Bedeutung, auch wenn ich davon ausgehe, dass Vögel keine willentliche Entscheidung treffen, sondern einem Instinkt folgen.) Ihr Singen erinnert und ermutigt mich nicht erst dann zu danken, wenn ich weiß wie der Tag gelaufen ist oder ob meine Stimmung am Morgen passend ist um zu danken, sondern in die „Dunkelheit“, die Ungewissheit des Tages hinein mit dem Danken beginnen. Schon vor ein paar Wochen ist mir das morgens bewusst geworden und hat für mich Bedeutung bekommen. Wie sehr freue ich mich über die verlässliche morgendliche Erinnerung durch den Gesang der Vögel. Den Tag beginnen mit:

„Herr, ich danke Dir von ganzem Herzen…“ Psalm 138,1

Diese Streichholzschachtel hat mir einer meiner Töchter geschenkt. So schön!!!

Lachen und Post

Wenn ich ein Gefühl liebe, dann ist es das Gefühl unbeschwert zu sein. Und durch meine vielen Gedanken (nicht nur im Moment), ist dieses Gefühl nicht mein dauerhafter Begleiter. Aber: ich kenne und erlebe es immer wieder und zwar, wenn ich lache. Ob Schmunzlen, ein breites Grinsen oder ein Lachflash, mit tränenden Augen – ich kenne sie alle. Und heute bei den Aufgaben mit meiner Tochter ergab sich solch eine urkomische Situation. Wir mussten so lachen – alle zusammen, halb 10 in Deutschland. Für diesen Moment bin ich sehr dankbar.

Und für Post! In dieser Woche habe ich ein paar Briefe verschickt, weil ich Briefe schreiben liebe und es so schätze, wenn ich in den Briefkasten schaue und es liegt persönliche Post darin. Heute hab eich mich so über eine Karte meiner Freundin gefreut. Für diese bin ich heute sehr dankbar. Und es hat mich erinnert, dass ich schon einmal zu Weihnachten Post an manche verschickt habe, die mir per Mail ihre Adresse haben zukommen lassen. Das möchte ich heute auch wieder machen: Wer Freude hätte Post zu bekommen, der darf mir gerne seine Adresse per Mail schicken: post@alltagsstueckwerk.com Ich schreibe so gerne und wenn Du Freude daran hättest, dann melde dich einfach.

Erfahrungsschatz

Drei Begebenheiten aus meinem Berufsalltag möchte ich euch erzählen, für die ich dankbar bin:

Toilettenpapier und Zeitung Zu einer meiner ersten Patientinnen komme ich im Frühdienst. Ihr Mann ist auch anwesend und natürlich das Corona-Virus als Thema. Unser zusätzlicher Auftrag als Pflegefachkräfte ist es Ängste zu mildern und ruhig zu bleiben. Aber die beiden haben keine Angst: „Wir haben so viel schon erlebt. Das wird auch rumgehen.“ Dann kommt die Aussage vom Ehemann, die mich zum lachen bringt: „Wissen Sie was ich überhaupt nicht verstehe? Dass die Leute wie verrückt Klopapier kaufen. Das ist ja wohl das kleinste Problem. Wissen Sie wie ich groß geworden bin? Wenn mein Vater die Zeitung fertig gelesen hatte, wurde sie an einen Haken neben`s Klo gehängt und dann hat man sich Streifen abgerissen und damit ging`s auch. Der Kuttereimer stand bereit für die Entsorgung.“ Das gefällt mir: im Moment sind kreative Lösungen wichtig oder eben back to the roots…

Was das Gehirn speichert Eine andere Frau, an die 80 Jahre, hat weit größere Ängste und während ich meine Tätigkeit ausübe, nestelt sie unentwegt mit den Händen und wiederholt immer wieder ihre Sorgen. Sie ist stark verunsichert und meine beruhigenden und ermutigenden Worte kommen nicht an. Und dann fällt mir der Text von Dietrich Bonhoeffer ein, laut fange ich an zu sprechen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag… “ Ihr Atem beruhigt sich, sie faltet die Hände und spricht mit klarer Stimme mit. Ihr stehen Tränen in den Augen als sie mich verabschiedet: „Daran halten wir uns Schwester Lissy, gell?“ „Ja, daran halten wir uns.“

dankbar sterben „Ich kann gehen, “ sagt eine weitere Patientin zu mir. „Ich habe ein erfülltes Leben gehabt. Der liebe Gott kann mich holen. Ich bin immer freundlich gewesen, auch zu Leuten die schwierig waren und oft habe ich gehört, dass ich zu gutmütig bin. Aber kann es zu viel Güte geben in dieser Welt? Ich bin für jeden Tag dankbar und ernte jetzt so viel Gutes. Was Menschen im Moment an mich denken und nachfragen. Das ist so schön zu erleben. Ich bin bereit.“

Ich schätze meine Arbeit sehr, aber noch mehr die Menschen, die ich treffen darf. Und für diese Erlebnisse bin ich heute sehr dankbar.

Wie das wohl wird?

Die letzten Wochen habe ich viel mit Menschen verbracht. Vorträge und damit die vielen Gespräche der Teilnehmer/innen und deren einzigartigen Begebenheiten, Geschichten, Herausforderungen und Lebensthemen. Meine Arbeit als Krankenschwester, meine Familie… Und dann blogge ich nicht so gerne. Dann wird mein Zuhause mein Rückzugsort, meine seelische Tankstelle, mein Ruhepol.

Tja, die nächsten Wochen werden anders. Alle Vorträge, die ich in nächster Zeit gehalten hätte wurden abgesagt. Unsere Gemeinde (Kirche) findet andere Formen um Gottesdienst zu feiern. Meine Töchter sind ab morgen alle drei Zuhause – bis nach den Osterferien. Das Coronavirus hat große Auswirkungen und ich sammle Dankesmomente – eine wunderbare Gewohnheit.

Ich bin dankbar für Gottes Gegenwart. Letztens habe ich mit einer Frau gesprochen, die mich fragte, ob ich an Gott glaube. „Ja“, antwortete ich und es ergoss sich ihrerseits ein langer Monolog über mich, dass Glaube und Gott nur für die Schwachen sei und die, die ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen usw. Ich hörte ihr zu und als sie fertig war und mich herausfordernd ansah, bejahte ich ihre Worte. „Ja, ich habe nicht alles im Griff und fühle mich oft schwach. Ich bin so dankbar mit Gott im Alltag reden zu können und zugeben zu können, dass ich ganz viel nicht weiß.“ Das war noch vor den Corona-Zeiten. Und wie dankbar ich bin meine Schwachheit zugeben zu können, im Gebet auf Gottes inneren Frieden zu warten, Rituale, die meinem Glauben Halt und meiner Seele Gehör verschaffen.

Ich bin dankbar für meine Neugierde. Morgen habe ich Frühdienst. Aber ab Dienstag werde ich meine Kinder unterrichten. Ich bin bewusst keine Lehrerin geworden. Jetzt lerne ich dazu. Ich bin so gespannt wie das wird. Mein Augenmerk liegt bei neuen Situationen selten auf dem Problem, eher bin ich neugierig wie das alles wird, wie sich das anfühlt, wie wir das leben.

Ich bin dankbar für Selbstreflexion. Denn bis zum Freitagnachmittag hatte ich weder Angst, noch eine innere Unruhe. Gegen 17 Uhr laufe ich mit meiner Umhängetasche zu unserem Supermarkt. Ich gehe fast immer zu Fuß einkaufen und bin etwas erschrocken, denn es gab keine Kartoffeln mehr. Da in Baden-Württemberg die Menschen vor allem Nudeln essen, war das schon etwas verunsichernd. Kein Salat, keine Karotten, Nudeln sowieso nicht, keine Milch… Während ich da mit meinem Täschchen stehe, haben andere bis zu zwei Einkaufswagen voll mit Lebensmitteln. Jetzt kriecht das erste Mal ein mulmiges Gefühl durch meine Magengegend hoch in meinen Kopf. Ist das jetzt leichtsinnig, wenn ich mich nicht mit zwei Einkaufswagen durch die Regale quetsche? Ich stehe in der Menge und entscheide mich, beim langen Warten an der Kasse, nicht in das Gefühl von Angst einzusteigen. Ich bete, segne im Stillen die Menschen um mich herum und bin dankbar, dass ich meine Gefühle so gut kenne und einordnen kann und nicht hilflos innerlich in der Masse mitschwimme.

Ich bin voller Hoffnung. Denn Krisen haben sie wunderbare Möglichkeit, dass wir Werte neu überdenken, dass wir miteinander ins Gespräch kommen, dass wir Veränderung auf eine gute Weise erfahren. Und dass wir durch diese Corona – Krise weiser, freundlicher, zugewandter, bewusster, dankbarer werden… Das ist meine Hoffnung, das ist mein Gebet.

Ich wünsche Dir einen ganz guten Start in die Woche, inneren Frieden und einen guten freundlichen Umgang mit Dir selbst.

Mit ganz herzlichen Grüßen Lissy

naiv? tröstlich.

In manchen Phasen fällt es mir schwer meine Dankesmomente öffentlich zu teilen, weil es mir so naiv vorkommt, wenn schlechte Nachrichten sich zu häufen scheinen, die Menschheit unter der Abwesenheit der Menschlichkeit leidet, die Welt so haltlos wirkt. Vielleicht ist es naiv sich mit den schönen Kleinigkeiten des Alltages zu beschäftigen. Aber ich brauche es, weil diese Kleinigkeiten tröstlich sind…

Heute ist es eine Beobachtung, die ich mit euch teilen möchte: „Und wo sind meine Brötchen?“ der scharfe Ton heute, als ich im Frühdienst zu einer meiner Patientinnen komme, überrascht mich. Ich weiß zwar um ihre große Wut, die sie wie einen schweren Umhang immer mit sich trägt, aber bis jetzt hat mich ihre Wut noch nie getroffen. Tatsächlich bringe ich ihr hin und wieder Brötchen und ihre Lieblingszeitung mit. Aber das mache ich, weil sie so viel alleine ist, eigentlich immer alleine ist. Weil es niemanden in ihrem Leben mehr gibt, der ihr sagt, dass sie wichtig und wertvoll ist, weil zum Geburtstag meine Kolleginnen und ich gratulieren, aber sonst keiner mehr anruft. Sie berührt mein Herz, diese unsagbare Einsamkeit, die ohne Perspektive auf Veränderung, ihre Lebensbegleiterin geworden ist. Sie schaut mich an wütend und laut: „Ich habe mich so auf frische Brötchen gefreut!“ Jetzt sei ihr ganzer Tag im Eimer. Vor ein paar Jahren hätte ich im Inneren mir vorgenommen dieser undankbaren Frau nie wieder Brötchen mitzubringen. Heute stehe ich vor ihr und kann sie verstehen. Ist nicht ein großer Gegner der Dankbarkeit, die Gewöhnung? Wenn ich mich daran gewöhnt habe was es alles Gutes in meinem Leben gibt und sich dann eine innere Anspruchshaltung daraus entwickelt? Die Begebenheit heute erinnert mich daran, dass Gutes nicht selbstverständlich ist und dass ich mir dessen bewusst sein möchte, immer wieder neu. Und morgen denke ich an die Brötchen – hoffentlich.

sprachlos

Es klingelt an der Tür. Ich überlege mir, ob ich sie öffnen soll. Denn: meine Haare haben weder Wasser noch leave-in-Conditioner gesehen und hängen dementsprechend wuschelig auf meinem Kopf herum. Jogginghose, die ich nicht trage, weil ich vor habe joggen zu gehen, sondern weil sie bequem ist, das Treppenhaus weder gesaugt noch gewischt, der Müll steht im Flur bereit, hat es aber noch nicht bis zur Mülltonne nach unten geschafft, der nassen Wäsche geht es ähnlich, nur dass diese darauf wartet aufgehängt zu werden. Die Hausaufgaben mit meinen Mädels gerade noch in den Startlöchern, die Böden staubig, das Frühstück noch nicht ganz verräumt… Was soll ich sagen, es ist Samstagvormittag. Ich öffne die Tür und kann dann gar nicht glauben wie mir geschieht: nein, ich habe nicht Geburtstag, obwohl die Torte danach aussieht und ich feiere auch sonst nichts, obwohl der Blumenstrauss durchaus darauf schleißen lassen könnte. Eine liebe Bekannte kommt vorbei und überrascht meine drei Töchter und mich (mein Mann ist dieses Wochenende nicht da). Ich weiß nicht was ich sagen, wie ich mich bedanken soll. „Ich habe an euch gedacht.“ Liebe Worte, Lächeln und dann ist sie auch schon wieder weg. Tatsächlich sind meine Augen glasig, wobei ich das erst merke als meine Tochter mich darauf aufmerksam macht. Ich bin so gerührt, sprachlos über diese freundliche Geste, diesen leckeren schönen Gruß mitten in meinem Alltag, über diese Großzügigkeit. Heute bin ich dankbar dafür, dass eine so liebe Frau an uns gedacht hat, dass ich Geschmacksknospen haben, die den Kuchen in vollen Zügen genießen, Augen, die sich an den Blumen erfreuen und darüber, dass ich die Tür in meinem „Entschuldigung, wie es hier aussieht“- Zustand geöffnet habe. Ich hätte sonst das schöne Gefühl von Wertschätzung und Dankbarkeit versäumt…

Geschwisterliebe

Was schweißt Familien zusammen? Und woran liegt es, dass es Geschwister gibt, die auch als Erwachsene noch wie Freunde miteinander durchs Leben gehen? Nicht immer einer Meinung, nicht dieselben Wege und doch mit einer freundschaftlichen Verbundenheit?

Meine Große kommt heute Abend raus, sie kann nicht schlafen, sorgt sich. Wir reden, ich versuche sie zu trösten. Da steht meine Mittlere plötzlich auch im Raum und will wissen, warum ihre große Schwester noch wach ist. Meine Große erzählt und meine Mittlere nimmt sie an die Hand: „Komm, wir legen uns ins große Bett (Ehebett) und hören was an.“ Ich erlaube es, weil wir auch im Reden nicht auf den Grund der Sorgen kommen. Als die Geschichte bei spotify zu Ende ist und ich die beiden auffordere ins Bett zu gehen, klappen sie das Bett meiner Großen aus. Dort soll heute die Schwester mit schlafen. Dann würde es ihr besser gehen. Gesagt, getan. Als ich gerade noch einmal nach ihnen schaue, schlafen sie. Dicht nebeneinander mit ruhigen gleichmäßigen Atemzügen. Sie können auch anders. Dann, wenn das Verhalten der anderen provoziert, Unmut und Ärger oder Verletzung auslöst. Dann kann es laut werden zwischen den beiden. Ich hoffe, dass sie lernen, dass sie einander vertrauen können, in ihrer Unterschiedlichkeit sich gegenseitig ergänzen und unterstützen können. Dass diese Verbundenheit bleibt durch all die unterschiedlichen Lebensphasen hindurch… Heute Abend bin ich dankbar für dieses schöne Bild meiner beiden Töchter kurz vor dem Einschlafen. Es ermutigt mich!

Bedeutung geben

Heute war ich zu lange auf der Plattform Instagram unterwegs. Das bedeutet, ich habe viele Bilder von erfolgreichen Menschen gesehen. Eine gestaltet ihr Leben auf Hawaii, ein Pärchen geht für ein paar Monate in die USA, eine wohnt gerade sowieso in Los Angeles, die andere hat einen Strauss Blumen von ihrem Mann bekommen und auf den Bühnen dieser Welt sind Sängerinnen und Speakerinnen unterwegs. Alle scheinen ein sehr aufregendes erfolgreiches Leben zu führen, festgehalten in tollen Bildern, bestätigt durch unzählige likes.

Und ich? Ich habe den Abfluss meiner Dusche gereinigt, weil sich die Haare unserer 5köpfigen Familie darin versammelt haben, dazu die Reste von Duschgelen, Shampoos, Spülungen und Haarkuren mit einem undefinierbaren, unangenehmen Geruch. Tja, mein Leben ist echt nicht aufregend und fancy… Aber dann mache ich meine Übung im Alltag, die ich in den Momenten versuche zu praktizieren, wenn sich die Unzufriedenheit durch Vergleichen einschleicht. Ich gebe dem schmutzigen Abfluss Bedeutung. Ein schmutziger Abfluss ist nicht fancy, aber er bedeutet, dass ich eine Familie habe und ich mit diesem Rückhalt durchs Leben gehen darf. Ein schmutziger Abfluss bedeutet, dass ich die Möglichkeit habe jeden Abend das warme Wasser über meinen Kopf rieseln zu lassen und eintauche in gut duftende Duschgele, Shampoos etc. Für mich gibt es nichts entspannenderes, vor allem nach den Spätdiensten, wenn ich so vielen Menschen mit ihren Bedürfnissen begegnet bin. Ein schmutziger Abfluss bedeutet, genug sauberes Wasser… Meine Liste setzt sich fort. Danach denke ich zwar immer noch nicht, dass ich ein aufregendes Leben führe, aber meine Seele ist wieder angefüllt mit Gründen für die ich dankbar bin und das tut ihr und meiner Stimmung gut.

Und dann lese ich noch die Worte aus dem Buch von Tillmann Prüfer: „Mit allem, was ich tue, rede und verdiene, bin ich ständig bemüht, mich sozial einzuordnen. Irgendwie erkennbar zu sein, besser zu sein als andere, wichtig zu sein. Hier in diesem Kloster ist es aber nicht wichtig, wer du bist. Vor Gott sind alle Menschen gleich.“ Irgendwie tröstlich und ich bin dankbar für diese erinnernden Worte aus dem Buch: „Weiß der Himmel…?“

Mein Leben ist nicht aufregend, eher sehr alltäglich und manchmal kostet es mich Mühe dafür dankbar zu sein!

hoffnungsvoll

Es gibt viele Gründe warum ich gerne in der Altenpflege tätig bin, auch wenn ich immer wieder mit dieser zusätzlichen Aufgabe hadere. Der Hauptgrund warum ich gerne arbeite sind die Menschen und ihre Geschichten.

Er hat Geburtstag und ich gratuliere ihm dazu, freudenstrahlend. Weil ich mich so mitfreue, dass er an seinem 91.Lebensjahr so fit hinter seinem Stück Kuchen sitzt und sofort aufsteht als ich ihm die Hand gebe – alte Schule eben. Ich frage ihn was er sich im neuen Lebensjahr wünscht. Hat er noch Wünsche mit 91 Jahren? Braucht er noch etwas oder erreichen wir irgendwann einen Zeitpunkt an dem wir wunschlos zufrieden sind? Sofort kommt die Antwort: „Dass ´s Göschle weiter läuft.“ (Übersetzung: “ Dass ihr Mund nicht aufhört zu reden.“) Damit legt er seinen Arm um seine 90 jährige Frau, sie ihren Kopf an seine Schulter und wir drei lachen. Seit 75 Jahren sind sie ein Paar, davon 67 Jahre verheiratet und einen ihrer Söhne haben sie vor vielen Jahren beerdigen müssen. „Deshalb haben wir beide einen Schuss weg,“ sagte einmal die Frau zu mir. „Das verkraftet sich nicht so leicht.“ Aber die beiden hat es nicht auseinander gebracht, sondern sie haben es miteinander getragen. Und ich freue mich über seine Wertschätzung, wenn sie redet. Aber auch über ihre Achtsamkeit. Denn sobald er etwas sagen möchte, schließt sich ihr „Göschle“ und sie hört zu. Das nenne ich mal einen ehelichen Umgang mit unterschiedlichen Typologien, den ich hoffnungsvoll finde. Ich liebe meinen Beruf wegen der Menschen und ihren Geschichten. Manche davon machen mir Hoffnung. Dafür bin ich heute sehr dankbar!

außergewöhnlich

Meine Tochter hat einen Gastauftritt mit ihrer Ballettgruppe auf der größten Bühne unserer kleinen Stadt. Die Johann-Strauss-Capelle Wien spielt die schönsten Stücke von dem berühmten Komponisten und hin und wieder untermalen zwei Profiballettänzer/in die Musik. Die Ballettgruppe meiner Tochter hat einen Tanz in diesen zwei Stunden. Deshalb habe ich viel Zeit der Musik zu folgen, weil ich nur bei einem Stück (in dem meine Tochter dazu tanzt) aufgeregt bin.

Was Musik bewirkt. Ich bin berührt von der Musik, wie die einzelnen Instrumente etwas wunderbar sanftes, stürmisches, berührendes zaubern. Immer wieder kommen mir die Tränen. Ich kann gar nicht sagen warum, ich bin einfach berührt, gerührt. Mein Sitzplatz ist so weit an der Bühne, dass ich die Mimik der Musiker beobachten kann. Unglaublich… Sechs Geigen und alle spielen das gleiche Stück, aber keiner spielt es gleich. Eine Geigerin schaut sehr konzentriert, fast streng in ihre Noten, ganz vereinzelt huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Was sie wohl in diesem Moment zum Lächeln bringt? Eine Geigerin scheint völlig versonnen in die Musik. Sie ist ganz versunken und wiegt ihren Oberkörper hin und her. Eine weitere Geigerin sitzt das ganze Konzert kerzengerade. Keine Bewegung ist sichtbar, außer die des Geigenbogens. Als das Stück „Blitz und Donner“ gespielt wird, spiegelt sich das Gewitter in den Augenbrauen und der Kinnpartie des Kontrabassspielers wieder. Interessant! Bei manchen Stücken greift meine Sitznachbarin, die geschätzt um die 70 Jahre alt ist, immer mal wieder nach der Hand ihres Mannes und wippt zum Takt mit. Welche Erinnerungen werden durch die Musik geweckt, an was denkt sie? Ihr Mann drückt ihre Hand. Musik verbindet. Ich fühle mich beglückt nach diesem besonderen Event, in das ich nur gegangen bin, weil meine Tochter ihren Auftritt hatte und durch das ich aber so bereichert wurde. Wunderschöne Musik und die Kapelle hat das gleiche Stück gespielt, aber nicht auf die gleiche Art und Weise. Heute bin ich für diese zwei außergewöhnlichen Stunden sehr dankbar!

Und was habe ich in der Pause gemacht? Richtig: gelesen.