Meine Große ist schon in der Schule, die Mittlere muss noch in den Kindergarten. Auf dem Weg dorthin begegnen wir einem flüchtigen Bekannten, ein sehr alter Mann. Ich weiß von meinem Mann, dass vor kurzem seine Frau verstorben ist. Ich grüße und laufe weiter, einfach so. Ich meine wahrgenommen zu haben, dass er gern angehalten und mit mir geredet hätte, aber meine Körpersprache war eindeutig. Und dann ist der Moment auch schon vorbei und ich? Ich schäme mich. Wieso habe ich nicht kurz mit ihm geredet? Warum nicht nachgefragt, wie es ihm geht? Ich bin nicht dicht genug, kenn ihn ja eigentlich gar nicht, versuche ich mir einzureden. Und vielleicht will er gar nicht darüber reden. Aber dann horche ich in mich hinein und stelle fest: Ich habe Angst. Angst, dass er vielleicht weint und ich dann nicht weiß, was ich machen soll. Angst, dass er mir sagt wie einsam er ist und ich dann gleich das Gefühl bekomme ihn mit meinen Kindern besuchen zu müssen. Angst, dass ich seine Trauer nicht aushalten kann. Ich bin enttäuscht von mir selber. Meine Mittlere ist im Kindergarten, ich mache mich auf den Heimweg und wer kommt mir an derselben Stelle wieder entgegen? Der flüchtige Bekannte, der alte Mann. Ich bleibe stehen, gebe ihm die Hand, frage ihn, wie es ihm geht nach dem Tod seiner Frau. Er weint, mit seiner behandschuhten Hand streicht er mir immer wieder über die Wange und sagt: „Kind, Kind jetzt geht’s ihr gut. Es ging ihr sehr schlecht zum Schluss. Ja, ich bin traurig, aber sie ist bei Gott im Himmel. Jetzt geht’s ihr gut.“ Nach einer Weile beendet er das Gespräch und wünscht mir einen gesegneten Tag. Ich bin gerührt und dankbar. Dankbar, diese 2.te Chance bekommen zu haben. Dankbar beruhigt aus dem Gespräch zu gehen, er hat Menschen, die ihn begleiten, er ist getröstet durch seinen Glauben. Angst ist ein schlechter Ratgeber, das habe ich heute wieder gelernt und ich bin sehr dankbar für diese 2te Chance.

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