Im Gottesdienst neben mir sitzt meine Freundin. Sie kommt aus Ägypten, lebt schon lange in Deutschland und übersetzt 3 Syrern die Predigt ins arabische. Seitdem ich Syrer kenne, weiß ich, dass das arabisch aus Ägypten und das arabisch aus Syrien sehr unterschiedlich ist. Und, dass Syrer nur das arabisch der Ägypter kennen, weil viele Serien und Fernsehsendungen in Ägypten produziert werden. Am Wochenende saß in unserem Wohnzimmer ein Mann aus Eritrea. Die Sprache Tigrinya habe ich in meinem ganzen Leben noch nie gehört. Jetzt weiß ich wie sie klingt und mein Mann hat hier in unserer Stadt eine Frau ausfindig gemacht, die ihm das Gespräch übersetzen kann. Denn bisher haben sich mein Mann und der Eritreer auf english unterhalten, für beide eine Fremdsprache. Am Wochenende treffe ich meine Freundin aus dem Iran. Ist sie meine Freundin? Ich mag sie sehr und sie mich auch, jedenfalls schreibt sie das manchmal, aber meine Besuche bei ihr sind seltener geworden, weil sie seit drei Jahren auf meine Frage wie es ihr geht nur „gut“ antworten kann. Ihre Augen und ihre Körpersprache sagen etwas anderes. Aber ich erfahre nicht wie es ihr wirklich geht, weil sie fast keine Fortschritte im Erlernen der deutschen Sprache macht und ich kein Farsi kann. Ich sehe in unsichere Augen, als ich zum ersten Mal die neue Patientin aufsuche, die ich betreue. Ihr Blick gewinnt an Freundlichkeit als sie hört, dass wir eine gemeinsame Sprache sprechen. Es ist so leicht zu übersehen wie schön es ist, dass viele von uns dieselbe Sprache sprechen, uns ausdrücken können, unser Herz ausschütten können, Gefühle benennen, Gedanken in Worte fassen. Wir finden Gemeinsamkeiten, kommen uns näher, werden verstanden… Sprache ist ein Stück Heimat, ist Sicherheit. Ich bin heute sehr dankbar, dass Sprache verbindet und ich dieses Verbindungsstück nutzen und schätzen kann. Wie wäre mein Alltag ohne diese wertvolle Selbstverständlichkeit?

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