„Sind Sie auch eine Bertoffene?“ Ich schaue die alte Dame verwirrt an, die mir gerade diese Frage gestellt hat. Sie hatte mich darauf angesprochen, was wir hier in Stuttgart machen. Die Organisatoren stellten gerade Tische für Infomaterial auf, Lautsprecherboxen… und so kam es, dass ich der Frau erklärte, dass wir gleich gemeinsam eine lange Reihe bilden werden, stumm durch Stuttgart laufen und damit auf das Thema des Menschenhandels und der Zwangsprostitution aufmerksam machen wollen. Oft wird gesagt die Sklaverei wäre abgeschafft. Aber das ist ein Irrtum, sie hat nur andere Formen angenommen. In Deutschland boomt das Geschäft mit der Prostitution. Unsere Gesetze sind sehr liberal und so kommen die Sextouristen in unser Land, nach Deutschland. Und es braucht immer mehr, immer jüngere Frauen, die ihren Körper verkaufen. Und weil sie das nicht freiwillig tun wollen, werden sie gezwungen, unter Druck gesetzt, abhängig gemacht. „Naja, weil sie doch auch ne Ausländerin sind“, erklärt mir die alte Dame. Ich bin mal wieder getroffen, was meine Hautfarbe bei anderen auslöst. Nein, ich bin keine Betroffene. Gott sei Dank! Und ich bin dankbar für junge Frauen wie Maresa und Hanna, die miteinander auf die Idee kamen sich dem Walk for freedom anzuschließen und ihn zu organisieren. Zusammen mit Esther-ministries und kainos haben sie diesen Lauf organisiert. Weil sie ein Ziel, einen Traum, eine Vision haben, dass man mit Menschen kein Geld verdient. Jeder Einzelne ist unbezahlbar und sie wünschen sich das für alle. Diese Freiheit, zu nichts gezwungen werden zu können. Die Gleichwertigkeit eines Jeden. Dieser Lauf hat mich unheimlich bewegt. Denn während ich zu Hause auf meinem Bett sitze und meinen Blogbeitrag schreibe, laufen viele Frauen auf den Straßen von Deutschland hin und her, weil jetzt ihre Hauptarbeitszeit ist. Auch sie haben Träume, haben Wünsche, haben Zukunftspläne. Aber mit jeder Abwicklung eines „Kunden“ wird ein Stück mehr von ihrem Traum, von ihrem Wunsch, von ihrem Zukunftsplan zerstört, weil auf ihrer Würde, auf ihrer Seele herumgetrampelt wird. Ich bin heute sehr dankbar, dass ich Maresa (Foto), Hanna und Mitarbeiter von Esther-ministries und Kainos kennenlernen durfte. Ich bin so dankbar, dass sie auf diese Missstände aufmerksam machen und dass sie mit kleinen Schritten versuchen Großes zu bewirken. In der Einstiegsrede wurde das Ziel einer menschenhandelsfreiencollage_20151017213316483_20151017213324900 Welt formuliert. Und ich dachte sofort: das ist total unrealistisch! Aber dann dachte ich an 2008 als der erste afroamerikanische Präsident der USA gewählt wurde. Martin Luther King, der einen gewaltfreien Kampf gegen die Diskriminierung von Schwarzen begann, hätte damit bei seiner berühmten Rede >I have a dream< auch nie gerechnet. Ich schließe mich dem Traum von Hanna, Maresa und all den anderen an. Und ich bin sehr sehr dankbar für ihren Einsatz, für ihr Engagement, für ihre Stimme…

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