In manchen Phasen fällt es mir schwer meine Dankesmomente öffentlich zu teilen, weil es mir so naiv vorkommt, wenn schlechte Nachrichten sich zu häufen scheinen, die Menschheit unter der Abwesenheit der Menschlichkeit leidet, die Welt so haltlos wirkt. Vielleicht ist es naiv sich mit den schönen Kleinigkeiten des Alltages zu beschäftigen. Aber ich brauche es, weil diese Kleinigkeiten tröstlich sind…

Heute ist es eine Beobachtung, die ich mit euch teilen möchte: „Und wo sind meine Brötchen?“ der scharfe Ton heute, als ich im Frühdienst zu einer meiner Patientinnen komme, überrascht mich. Ich weiß zwar um ihre große Wut, die sie wie einen schweren Umhang immer mit sich trägt, aber bis jetzt hat mich ihre Wut noch nie getroffen. Tatsächlich bringe ich ihr hin und wieder Brötchen und ihre Lieblingszeitung mit. Aber das mache ich, weil sie so viel alleine ist, eigentlich immer alleine ist. Weil es niemanden in ihrem Leben mehr gibt, der ihr sagt, dass sie wichtig und wertvoll ist, weil zum Geburtstag meine Kolleginnen und ich gratulieren, aber sonst keiner mehr anruft. Sie berührt mein Herz, diese unsagbare Einsamkeit, die ohne Perspektive auf Veränderung, ihre Lebensbegleiterin geworden ist. Sie schaut mich an wütend und laut: „Ich habe mich so auf frische Brötchen gefreut!“ Jetzt sei ihr ganzer Tag im Eimer. Vor ein paar Jahren hätte ich im Inneren mir vorgenommen dieser undankbaren Frau nie wieder Brötchen mitzubringen. Heute stehe ich vor ihr und kann sie verstehen. Ist nicht ein großer Gegner der Dankbarkeit, die Gewöhnung? Wenn ich mich daran gewöhnt habe was es alles Gutes in meinem Leben gibt und sich dann eine innere Anspruchshaltung daraus entwickelt? Die Begebenheit heute erinnert mich daran, dass Gutes nicht selbstverständlich ist und dass ich mir dessen bewusst sein möchte, immer wieder neu. Und morgen denke ich an die Brötchen – hoffentlich.

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