…und dann ist er einfach wieder da. Ein ungebetener Gast, der auf keine Einladung wartet und sich hoffentlich nicht einnistet, sondern wieder geht, nicht zum Mitbewohner wird. Immer wieder schleichen sich Zweifel in meinen Verstand, meine Seele – Glaubenszweifel, die nicht alles aber vieles in Frage stellen. Nein, ich zweifel nicht an, ob es Gott gibt. In all den Jahren hat sich mir diese Frage nie gestellt. Sondern meine Zweifel fragen, ob er es wirklich gut mit uns Menschen meint. Wie viel wir tatsächlich von seinem Charakter erahnen können und was schlicht und ergreifend mein persönliches Wunschdenken ist. Ganz viele wenn Fragen. Wenn Gott so und so wäre, dann müsste/sollte/könnte… Ja, ich weiß, die Fragen wirken wie die eines jungen Mädchen, aber vielleicht wird mein Glaube nie erwachsen. Denn wenn ich über Zweifel lese, dann oft, dass Zweifel wichtig sind, damit der Glaube aus den Kinderschuhen kommt. Manchmal wären mir Kinderschuhe echt lieber und irgendwie dachte ich mit 38 Jahren, dass mein Glauben „erwachsen“ ist. Aber da sind diese Zweifel – zermürbend, anstrengend, sich im Kreis drehende Themen.

Letztes Wochenende hatte ich einen Vortrag zum Thema Dankbarkeit. Und obwohl ich ihn schon etliche Male gehalten habe, lässt er immer wieder Neues in mir entstehen. Auf dem Heimweg habe ich mich gefragt wofür ich dankbar sein könnte in meinen Zweifeln. Gibt es Dankesgründe, wenn ich zweifel und das mit Gott so existenziell wird? Ich habe es mal probiert Dankesmomente zu finden, die meinen Zweifel betreffen…

Ich kämpfe nicht mehr. Über Jahre habe ich immer wieder dagegen angekämpft, meine Zweifel verneint, von mir weisen wollen. Das hat sich als furchtbar anstrengend erwiesen und auch unehrlich angefühlt. Ich heiße sie nicht willkommen, aber ich nehme sie wahr und ernst. Dafür bin ich dankbar!

Ich bete immer noch. Ich kann nicht aufhören damit, auch wenn ich dann sehr stark das Gefühl habe, dass es diese Beziehungsebene zwischen Gott und mir gar nicht gibt. Aber ich kann nicht anders. Ich muss meine Fragen und Anfragen und Zweifel formulieren, in Worte fassen, zum Ausdruck bringen – und weil ich laut nun mal (bis jetzt noch nicht) mit mir selbst rede, werden es Gebete. Dafür bin ich dankbar!

Ich habe Zeit. Druck ist mein größter Gegner, wenn ich mich mit etwas aus meinem Leben beschäftige. Deshalb dauern sie solange sie dauern. Bis jetzt sind sie immer irgendwann gegangen. Wobei für mich Zweifel nicht bedeutet, dass sich meine Fragen klären, sondern, dass sie mich nicht mehr so unruhig machen. Das Gegenteil von Zweifel ist bei mir nicht Nichtzweifel, sondern innere Ruhe über unbeantwortete Fragen. Und dass ich mir diese Zeit lassen kann, dafür bin ich dankbar.

Ich habe eine Freundin, die auch immer wieder an Gott zweifelt. Die wird direkt kontaktiert und war letztes Wochenende da. Vielleicht gilt geteiltes Leid ist halbes Leid auch für die Zweifel. Jedenfalls tut das Gespräch mit ihr gut, obwohl wir auf überhaupt keine tröstlichen Antworten kommen. Für diese Freundin bin ich sehr dankbar!

Vertrauen. Allerdings ist das nur Spekulation. Es ist immer wieder für mich interessant wahrzunehmen welche Lebenssituationen und Geschichten mir Menschen anvertrauen. Vielleicht, weil ich durch meine Zweifel viel weniger in richtig oder falsch denke, sondern eher hoffe, dass Gott mit meinem Gegenüber einen Weg geht, so wie er mit mir einen Weg zu gehen scheint und Perfektion dabei scheinbar nicht sein Ziel ist. Vielleicht sind es die Zweifel, die mich gnädig machen im Umgang mit mir selber und damit auch im Umgang mit anderen. Wenn es so ist, was ich nicht beweisen kann, bin ich dafür dankbar.

Meine Gedankenbücher (Tagebücher). Ich liebe sie und bin so dankbar lesen zu können, wie ich Gott in meinem Alltag erlebe, auch wenn ich es gerade gar nicht glauben kann.

Ich habe aufgehört meinen und den Glauben von anderen zu beurteilen. Natürlich sind solche Beurteilungen immer überflüssig, aber lange habe ich unbewusst Kategorien in meinem Kopf gehabt. Die sind mit der Zeit und als ich begann meinen Zweifeln zuzuhören verschwunden. Dafür bin ich dankbar!

Mein Mann. Es ist nicht nur so, dass mein Mann Christ ist, sondern auch Pastor. Er könnte ganz anders auf meine Zweifel regieren. Aber ich kann immer mit seinem Verständnis rechnen. Viele meiner Gedanken kennt er auch, aber bei ihm rufen sie keine Zweifel an Gott hervor. Vorletztes Wochenende saßen wir zusammen und er erzählte mir von einem Mann, der in seinem Land zum Glauben an Gott kam und sich dann hierher auf den Weg machte, weil der christliche Glaube in seinem Land verboten ist. Hier „kam“ er nie so richtig an. Sein Wunsch ist, zurück in sein Land zu gehen, weil er Gott nicht „gefunden“ hat. Er ist enttäuscht, frustriert und desillusioniert. Wieso begegnet Gott ihm nicht auf die Art und Weise wie der junge Mann das braucht? Das verstehe ich überhaupt nicht! Übrigens ist es nicht leicht für ihn zurück zu gehen, sein Heimatland macht es Zurückkommern echt schwer… Für meinen Mann bin ich sehr dankbar, übrigens nicht nur, wenn ich unter Zweifeln leide.

Rückzug. Das ist mein Umgang. Ruhe, keine theologischen Bücher, keine Predigten… Ich höre immer wieder in Predigten oder Artikeln von anderen, welche übernatürlichen Dinge sie mit Gott erlebt haben oder erleben. Früher habe ich ihre Berichte immer in Frage gestellt oder bin frustriert aus solchen Vorträgen in meinen Alltag zurückgekehrt. Heute glaube ich zu glauben, dass sich Gott Menschen auf unterschiedliche Art und Weise zeigt oder Dinge in ihrem Leben wirkt. Mit mir geht er Prozesse, jeden Schritt einzeln. Also brauche ich den Rückzug, weil es mich manchmal traurig macht, dass andere so viel „offensichtliches“ mit Gott erleben, während meines auch ganz schnell widerlegt werden könnte. Aber ich bin dankbar, dass ich spüre was mir gut tut und was ich getrost weglassen kann.

Routinen und Rituale. Im Zweifel halte ich mich daran fest oder halten sie mich fest? Heute Morgen in aller Frühe mit dem Kaffee auf dem Balkon und dem Vogelgezwitscher lauschen. Ganz einfach und immer schön – die Stille.

Ich halte mich an Bibelverse wie: “ Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhöre.“ Und hoffe, dass Jesus genau so gnädig mit mir umgeht, wie mit anderen Menschen in der Bibel. Ich liebe alle Geschichten, die mit Unsicherheit und Zweifeln zu tun haben. Natürlich sehe und lese ich, dass Jesus immer wieder sagt: „Dein Glaube hat dir geholfen“, aber ich stimme ein in das Gebet eines Vaters in der Bibel: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Es ist mir zwar echt unangenehm, dass meine Zweifel eine weitaus weniger schwierige Ausgangssituation haben als bei diesem Mann (Markus 9,17-29). Aber trotzdem sind sie da und nicht einfach wegzureden. Für bestimmte Bibelverse bin ich sehr dankbar, auch wenn ich ganz viele Texte der Bibel nicht verstehe.

Mir geht es in diesen Zeiten nicht unbedingt schlecht. Ich weiß, dass klingt alles eher mitleidig, aber ich nehme grundsätzlich, wenn ich verunsichere, egal wann und wie eine beobachtende Position ein und frage mich, was das gerade mit mir macht, wieso es sich so anfühlt, was ich daraus lerne, welche Auslöser es gibt… Und so weiter. Auch in den Zweifeln reflektiere ich mich. Dafür bin ich dankbar.

Martin Schleske, tatsächlich ist er ein Autor, der zu allen möglichen Themen einen Gedanken hat, der mich tröstet. Genau das machen seine Bücher und Vorträge, sie trösten. Ich zitiere dankbar aus seinem Buch „Herztöne“: „Unsere Fragen bezeugen, was wir von Herzen suchen. Wie kann Gott uns lehren, wenn wir keine Fragen haben? Nur das fragende Herz ist weich. Denn die Fragen machen den inneren Menschen unsicher. Nur die Unsicherheit aber macht ihn formbar. Wie sollte der Himmel je einen festen Glauben formen? Er würde zerbrechen.“

Bin ich zweifelnde Gläubige oder glaubende Zweiflerin? Ich weiß es nicht. Aber ich kann darüber reden und nachdenken und komme immer wieder zu dem Schluss: Glaube ist und bleibt ein Geheimnis. Er ist weder mess- noch fassbar und in Worten wirklich schwer zu beschreiben. Aber mein Ziel habe ich vor Jahren in einer Zweifelzeit schriftlich formuliert und es ist mir vor Augen: „Ich will an Gott glauben.“

Dankbarkeit nimmt mir die Zweifel nicht, aber sie nimmt mich, auch in dieser Zeit, an der Hand: „Wofür und worin kannst du heute dankbar sein?“

Diese wunderschöne Pfingstrose habe ich bei meinem letzten Vortrag geschenkt bekommen. Und mehrere Knospen dazu. Sie ist mittlerweile am verblühen und die nächste Knospe geht auf. So wunderschön und tröstlich…es geht immer weiter. Etwas verblüht, etwas Neues entsteht… vielleicht auch beim Glauben und Zweifeln.

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