20150416_142506Alltagserinnerung. Meine Jüngste pantscht mit ihren kleinen süßen Händchen im Wasser der Toilettenschüssel herum und kann überhaupt nicht verstehen, dass alle um sie herum das ziemlich eklig finden, es ist doch gespült. Sie sieht (noch) nicht, was wir sehen. Hunderte von unsichtbaren Keimen, Viren, Bakterien…Sie sieht nicht was so alles in der Toilette landet, wer alles dort schon war, um sie zu benutzen. Und weil sie das alles nicht sieht, geht sie völlig unbeschwert, völlig frei zu dieser Schüssel, die Wasser zum Spielen beinhaltet, und spielt. Warum ich dafür dankbar bin? Weil es mich erinnert. Ich sehe viel, habe schon viel gesehen, habe Erfahrungen gemacht und bin deshalb voller Meinungen und auch voller Vorurteile. Ich will das gar nicht! Ich wäre gerne vorurteilsfrei, unbeschwerter, freier…vor allem im Umgang mit Menschen. Als mein Mann vor ein paar Jahren nochmals ein anderes Studium begann und mit dessen Ende klar war, dass wir in unserem Leben mit großer Wahrscheinlichkeit öfter mal den Wohnort wechseln würden, sagte ich zu ihm, dass ich in ein ganz bestimmtes Land nie mitgehen würde und niemals auf ein Dorf ziehen würde. Zu groß war, vor allem bei der Dorfgeschichte, meine Angst, wegen meiner Hautfarbe Probleme zu bekommen. Fette Vorurteile in meinem Kopf. In seinem Praktikum waren wir 1 Jahr in einem 300 Seelen Dorf. Es war ein total schönes Jahr. Meine Angst und meine Vorurteile völlig unbegründet. Und das macht Vorurteile schwierig, dass ich nicht frei und unbeschwert Menschen oder Situationen begegne, sondern aufgrund meiner Vorurteile schon ein eingeschränktes, ein vorsichtigeres, ein unfreieres Verhalten an den Tag lege. Meine Jüngste kennt all das Unsichtbare noch nicht, denn auch Menschen begegnet sie freundlich und meistens lachend. Und sie winkt so ziemlich jedem, ob das die Kassiererin an der Kasse ist, dem um Geld bittenden Mann, der am Straßenrand sitzt oder ihren Patentanten zum Abschied. Sie ist noch frei von unsichtbaren Gedanken, die am Verhalten sichtbar werden. Sie ist noch vorurteilsfrei. Und dafür bin ich dankbar, weil sie mich erinnert, dass auch ich nicht handeln möchte aufgrund unsichtbarer Gedanken, sondern vorurteilsfrei.

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