Mir ist immer noch der frühe Morgen am liebsten. Aber das hat etwas mit der inneren Uhr, der Veranlagung, der persönlichen Vorliebe zu tun. Diese Unberührtheit des Tages, dieser Raum zwischen Tag und Nacht, dieses erholt sein, präsent sein. Für mich der schönste, stimmigste, leichteste Zeitpunkt um nicht nur äußerlich die Stille zu genießen, sondern auch innerlich still zu werden. Weil es da bei mir nicht das „werden“ braucht. Denn der Schlaf liegt noch nicht weit zurück und es ist noch nichts passiert zwischen dem stillen Schlaf und der Stille am Morgen. Allerdings neige auch ich dazu immer wieder den Tag weit in die Nacht hinauszudehnen und bin am Morgen zu müde um aufzustehen. Ich würde einschlafen in der Stille des Morgens.

Sich zu überlegen, den Tag zu reflektieren, die Familiensituation überdenken und zu planen: „Wann kann ich Stille einplanen?“ Unsere Tage werden diesen Zeitpunkt nicht von selbst hergeben, wir dürfen ihn uns nehmen, diesen Zeitpunkt. Denn selbst wenn gerade nichts zu erledigen wäre, ist unsere Hand fast schon ritualisiert mit dem Smartphone verknüpft und wir bewegen uns in den Netzwerken, verschicken Nachrichten, bearbeiten Fotos und fragen uns dann: Wo ist die Zeit geblieben? Sie bleibt nicht, wenn wir sie uns nicht nehmen. Wenn wir nicht inne halten und nachspüren wie lang so eine Minute doch sein kann, wenn wir durch nichts abgelenkt sind und wie wohltuend eine Minute sein kann, wenn wir durch nichts abgelenkt sind.

Gestern Abend (Sonntag) kam mein Mann zwischen zwei Terminen nach Hause und brachte unsere Mädels ins Bett. Und ich machte mich auf zu einem 15 minütigen Abendspaziergang in der Dämmerung. Das war so schön. Natürlich war die Spülmachine nicht eingeräumt, die Brotdosen für heute noch nicht bereit gestellt, nur die Butter hat es noch schnell in den Kühlschrank geschafft. Aufräumen kann ich auch noch, wenn es draußen dunkel ist. Spazierengehen nicht mehr. Und so nahm ich (das letzte Mal alleine spazieren war ich beim Bloggerevent Netzleuchten im November 2018) ich mir diese Auszeit. Sie hätte sich mir nicht angeboten, weil Arbeit und Aktivitäten so viel lauter sind als die Einladung in die Stille. Der Tag war nicht schlimm gewesen, ich hatte nichts was mich verunsichert hatte oder was unangenehm gewesen wäre. Aber hinter mir lag ein intensiver Gottesdienst mit einer herausfordernden Predigt, ein Bibeltext, der mir immer wieder ins Bewusstsein kam, ein langes Gespräch mit Freunden bei dem wir darüber redeten wie Liebe und Wahrheit zusammengehören und was das im echten Leben bedeutet… Und ich genoss die Stille (nur vom Vogelgezitscher begleitet). In meiner Seele sortierten sich unbewusst die Dinge, manch ein Gedanke wurde zum Gebet, andere kamen und gingen. Die Stille am Abend in Form eines Spazierganges hat auch etwas, passt aber gerade nicht als regelmäßiger Zeitpunkt für die Stille in meinen Alltag.

Stille ist kein weiterer Termin, der Druck machen soll, erledigt zu werden, ist kein weiterer Punkt auf der to-do-Liste. Stille ist eine Einladung mich auszuklinken und zu spüren, die Welt dreht sich auch ohne meinen Aktionismus weiter, ich verliere nicht an Wert, wenn ich mir Zeit nehme und nicht dauernd beschäftigt bin. Ich schenke meiner Seele eine Auszeit an Reizen und eine Begegnung mit dem Unsichtbaren. Denn in der Stille geschieht etwas, was ich danach in keiner Austauschrunde zum besten geben kann. Aber in der Stille passiert die Stille und dieser Zeitpunkt tut meiner Seele gut.

Welchen Zeitpunkt kannst du dir für die Stille aus deinem Alltag herausnehmen?

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