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Es ist der Rückweg und mir wird etwas bewusst, was ich auf dem Hinweg noch nicht wahrgenommen hatte. Ein Mann, wenn ich bei ihm bin (was selten ist) helfe ich ein bisschen im Haushalt. Er hat ein gut organisiertes soziales Netz um sich. Es sind keine großen Dinge, aber die Unterstützung in verschiedenen Lebensbereichen ist notwendig geworden. In meinem Mailpostfach liegt ein Gruß von meiner Pflegemutter. Sie schreibt von einer Insel, Urlaub bei 24°C. Die beiden haben den selben Jahrgang. Während der Mann im Alter Unterstützung benötigt, unterstütz meine Pflegemutter ihre Nichte, als diese mit ihrem Mann für ein paar Tage weg fährt. Kochen, Hausaufgaben machen, Kinder ins Bett bringen. Sie macht es nicht mehr mit links, weil sie das Alter spürt. Aber es geht noch. Alt werden wir alle und wenn wir manchmal denken, dass das Leben unfair ist, dann ist es das doch im Alter erst recht. Krankheiten, der körperliche Abbau, das Gedächtnis lässt nach, die Sinnesorgane, die langsam, schleichend, kaum wahrnehmbar an Fähigkeiten zu verlieren scheinen. Vielleicht so, dass man es selber gar nicht bemerkt, sondern an den Reaktionen der anderen. „Altern ist nichts für Feiglinge“, ein Zitat. Und irgendwie denke ich heute auch: altern ist unfair. Die einen sind noch ziemlich fit bis ins hohe Alter, können Unternehmungen machen, unterwegs sein, sind gesellig. Die anderen finden größere Mengen als zunehmend beschwerlich, weil der Tinitus anstrengt, weil da Krankheiten und Medikamente sind und weil Medikamente Nebenwirkungen haben und all das Auswirkungen ins tägliche Leben… Und auf dem Heimweg höre ich leise in mir diesen Wunsch: ich will unbedingt in Übung bleiben, dankbar sein – das Gute wahrnehmen, Augenblicke, Begebenheiten, Begegnungen sammeln, festhalten, hüten. Mut darin macht mir immer noch die Frau, die nach einem Vortrag von mir auf mich zukam und bestätigte: Dankbarkeit ist auch eine Entscheidung. Mit ihrer chronischen Erkrankung muss sie viel Zuhause sein, immer wieder Schmerzen. „Dann schreib ich mir auf für was ich an dem Tag dankbar bin, manchmal unter Schmerzen. Das hilft mir, nicht in einem Loch zu versinken und es gab noch keinen Tag an dem ich nichts hätte aufschreiben können.“ Ich bin so dankbar für ihr Beispiel, denn alt werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit, krank vielleicht auch. Darauf habe ich kaum Einfluss, aber auf meine innere Haltung will ich Einfluss nehmen und sie mitgestalten, schon heute. Dankbar sein – das Schöne wahrnehmen, wertschätzen und durch geschriebener Sprache einen festen Platz in meinem Leben geben.

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