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Meine große Beuteltasche ist randvoll und hängt schwer über meiner Schulter. Es befindet sich alles darin um für meine Familie und Gäste Mahlzeiten vorzubereiten. Ich bin in Gedanken beim Abhaken meiner Liste, die sich nur in meinem Kopf befindet, denn der Zettel liegt zu Hause in der Küche. Habe ich an alles gedacht? Ich merke einen Stoß, werde aus meinen Gedanken heraus geholt und kehre in die gegenwärtige Situation zurück. Die Stadt ist voll, voller Menschen. Jeder mit seiner eigenen To-do-Liste, seiner eigenen Geschichte, seinem eigenen Leben. Ich registriere, dass ich aus Versehen eine Frau mit meiner Tasche angerempelt habe. In Gedanken war ich zu weit weg um zu merken, dass der Platz zu eng war mich an ihr vorbei zu quetschen. Ich setze zu einer Entschuldigung an, doch die Frau kommt mir zuvor: „Und für euch nimmt Deutschland Millionenkredite auf. So eine Schande.“ Ich sehe die Frau an und entschuldige mich. Es war keine Absicht. Ich war so in Gedanken… In ihrem Blick meine ich zu lesen, dass es ihr unangenehm ist was sie zu mir gesagt hat. Jetzt, da sie wahrnimmt, dass ich ihren – in Worte gefassten – Frust verstanden habe. Und ich habe ihn verstanden, nicht nur mit meinen Ohren. Wenn ich ehrlich bin und das bin ich nun mal: auch mit meinem Herzen. Ich bin ihr nicht böse, denn ihre Gedanken sind mir nicht fremd. Ich sitze immer und immer wieder zwischen den Stühlen, wenn ich auf Ämtern sitze um Anliegen von denen vorzubringen, die aus anderen Ländern nach Deutschland kamen. Unsere Kulturen sind so grundverschieden, dass ich Sorge habe, dass Integration nicht gelingen kann. Ich treffe auf Menschen und in Situationen, die mich emotional überfordern. Manchmal möchte ich Einzelnen ins Gesicht sagen: Ihr seid Gäste, verhaltet euch auch so. Oder sei doch dankbar, dass du hier überhaupt etwas bekommst. Oder wie geht ihr mit den geschenkten Dingen um? Hier muss man hart arbeiten um ein finanziell stabiles Leben zu führen. Ich habe tausend Fragen und keine Antworten. Deshalb sind mir die Gedanken der Frau nicht fern. Weil ich hilflos bin. Weil ich mir Intergration viel leichter vorgestellt habe. Weil ich an der inneren Haltung von einigen nichts verändern kann. Weil ich Einige kenne, die in meinen Augen ihre Chance nicht nutzen. Aber kann ich das überhaupt beurteilen? Ist es nicht anmaßend von mir so zu denken? Ich kann meine Gedanken nicht verändern, aber ich kann beeinflussen welche ich füttere. Heute bin ich dankbar für alle die ich kennen darf aus anderen Ländern und Kulturen. Alle, die mich bereichern und mich an meine Grenzen bringen. Ich bin dankbar für die Frauen, die ich immer wieder treffe, sie kommen zu mir, ich gehe zu ihnen. Wir reden, wir versuchen es zumindest. Sie lachen und tanzen miteinander, wenn sie unter sich sind. Sie reden über Haare färben, über ihre Kinder, über neue Rezepte. Ich sehe, wie sie mit ihrer Situation versuchen umzugehen. Ich sehe, dass sie wie ich sich um ihre Familien kümmern, dass sie sich wie ich mit den Fältchen unter den Augen auseinandersetzen, dass sie sich wie ich Liebe und Anerkennung wünschen, Verständnis und Freundschaft. Beim Mittagessen sitzen wieder die Jungs bei uns, eigentlich junge Männer. Sie sitzen da mit ihren Handys wie andere junge Männer in ihrem Alter. Sie reden über Fitness und ihre Prüfungen in der Schule. Haben Wünsche, Träume wie andere auch. Ich brauche genau diese Kontakte. Ich brauche diese Kontakte um die Stimme der Menschlichkeit nicht der Ablehnung zu füttern. Denn in uns allen schlägt ein Herz, dass geliebt und beachtet werden will. Dass sich sorgt und gekränkt fühlt. Das Vergebung und Nächstenliebe lernen muss. Immer wieder neu! Wir sind uns in aller Unterschiedlichkeit doch so ähnlich. Integration scheint kein Zustand zu sein , sondern eine Weg. Ein Weg herauszufinden, wie wir zusammen leben können, respektvoll miteinander umgehen, freundlich aufeinander zu gehen können. Integration ist ein Lernfeld, eine Haltung. Integration ist kaum etwas, dass sich in Worte fassen lässt. Integration ist Liebe in Aktion, ist respektvoller Umgang, ist Akzeptanz von Unterschieden und suchen nach gemeinsamen Nennern. Integartion ist ein Tu-Wort.

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