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Ich bin genervt – am meisten von mir selbst. Mein Mann hat zum Essen eine Frau aus Afghanistan eingeladen. Mir fällt ein, dass ich daran gedacht habe Essen einzukaufen, aber der Nachtisch fehlt . Von einer Iranerin weiß ich, dass Frauen dort ihren Wert an drei Dingen festmachen: wie sie aussehen, wie ihre Wohnung aussieht und was sie ihren Gästen zum Essen auftischen. Und ich habe keinen Nachtisch. Ich ärgere mich, weil ich es doch irgendwann einmal besser hinbekommen müsste, das mit der Gastfreundschaft… Ordentliche Wohnung, opulentes Essen. Drücken diese beiden Dinge nicht Wertschätzung aus? Von einer Besprechung, die ich morgens hatte sind noch Kekse übrig. Diese stelle ich nach dem Essen zum Tee mit auf den Tisch. Zu diesem Zeitpunkt sind die Kekse und der fehlende Nachtisch überhaupt kein Thema mehr. Vor mir sitzt eine junge Frau, die auf der Flucht ihre Familie verloren hat. Sie findet sich in Deutschland wieder, die Mutter mit den Geschwistern in Schweden. Es gibt EU-Bestimmungen, die wichtig sind und die man am liebsten hier und heute über den Haufen werfen möchte. Weil vor uns eine Frau sitzt, die zu alt ist um ein Kind zu sein und zu jung um eine Frau zu sein. Die mit Einsamkeit kämpft und ihre Familie vermisst. Die sich Gesetzen beugen muss und trotzdem versucht aufrecht ihren Alltag zu meistern. Die viele Jahre Schule verpasst hat, weil sie im Iran als Flüchtling die Schule nicht besuchen durfte. Mit youtube bringt sie sich Mathe, Deutsch und Englisch bei. Sie ist eine stille Kämpferin. Eine, die nicht aufgibt. Die sich weigert zu resignieren. Ich bin so dankbar, dass sie da war. Sie hat meinen heutigen Tag so sehr bereichert, auch wenn ich den Nachtisch vergessen habe. Meine Werte erinnern mich: dass ich zuhören möchte, hinhören, in den Arm nehmen, wieder einladen. Du bist willkommen in meiner unperfekten Welt, weil du eine von denen bist die mich erinnern, dass es Nächstenliebe braucht und Nahbarkeit, Anteilnahme und Wertschätzung. Es braucht keine Perfektion, sondern Gemeinschaft. Und die geht auch ganz ohne Nachtisch. Heute bin ich dankbar für ein unperfektes Essen in wertvoller Gemeinschaft.

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