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Man könnte meinen ich meine es böse, aber das tue ich nicht. Man könnte meinen ich sei ungerecht, aber das will ich gar nicht sein. Man könnte meinen ich sei herzlos, aber das bin ich nicht. Seit knapp 2 Jahren habe ich fast täglich mit Menschen aus einem anderen Land, aus einer anderen Kultur zu tun. Interessant ist, dass sie alle aus demselben Land kommen und dieselbe Sprache sprechen. Ich genieße viele dieser Begegnungen, weil sie mir eine andere Welt zeigen, weil sie meinen Horizont erweitern, weil sie mich vorsichtiger werden lassen darüber zu urteilen was richtig und was falsch ist. Aber sie alle bringen immer wieder Fremdes in mein Leben, das befremdlich für mich ist. Und ich mir immer wieder Fragen stelle wie: Muss ich hier tolerant sein oder eine Grenze ziehen? Worin begründet sich meine Identität, damit Integration funktionieren kann? Was kann und darf ich von den anderen erwarten, wie muss ich an mir selber arbeiten um mit den unterschiedlichen Situationen gut zurecht zu kommen? Ich bin eine Menschenliebhaberin und plädiere für mehr Menschlichkeit. Aber manchmal merke ich wie mich die Überforderung Forderungen stellen lässt. Ich spüre wie ich Dinge verteidige, die ich doch eigentlich teilen will: Zeit, Freundschaft, Offenheit. Ich fühle mich hilflos, obwohl ich doch eine Hilfe sein will. Dies alles ist ein Teil von mir und damit ein Teil meines Lebensprozesses, ein Stück Wegstrecke in der ich lerne. Wofür ich heute dankbar bin? Für meinen Glauben. Ja, ich bin auch Zweiflerin, immer mal wieder. Ja, ich bin auch unsicher, immer mal wieder. Ja, ich stelle alles in Frage, immer mal wieder. Aber ich bin auch Glaubende, Gläubige, Suchende, Findende. Immer mal wieder. Und ich bin dankbar, dass ich nicht alleine auf diesem Weg bin. Denn der Gott an den ich glaube, der an dessen Werte ich mich halten möchte, dessen Wille Frieden bringt ist unsichtbar und wird doch im Leben, im Reden, im Denken einzelner Menschen sichtbar. Ich bin so dankbar, dass ich letzte Woche Besuch hatte von einer wundervollen Frau, die so viel schreckliches, so viel schmerzliches erlebt hat und die lachend und liebend an meinem Tisch sitzt. Viele aus ihrem Land saßen schon an meinem Tisch, jeder mit seiner Geschichte. Sie ist schon viele Jahre in Deutschland und wird nicht müde mir meine Fragen zu beantworten. Verurteilt mich nicht, weil ich manchmal genervt von der Fremdheit ihres Volkes bin und überfordert, weil unausgesprochenes im Raum steht, das sehr laut zu sein scheint. Sie ist mir ein großes Vorbild in der Liebe, in der Vergebung, Dinge mit innerem Frieden auszuhalten, die man nicht ändern kann. Ich bin dankbar für die Worte der Bibel, die ich höre und lese. Von dem, der alle Menschen geschaffen hat und Grenzen sieht, aber darüber hinaus liebt. Der die Probleme unter den Völkern benennt, Schwierigkeiten nicht verschweigt, nichts schön redet – aber einen Weitblick aufzeigt. Ich sehe diesen Ausblick im Moment nur bruchstückhaft. Zu sehr verbauen mir manchmal meine alltäglichen Gedanken den Blick auf das große Ganze. Ich bin froh, dass ich so sein darf, dass es solche Zeiten geben darf bei dem, der sich Aufrichtigkeit und nicht Perfektion wünscht, der, der nicht die Fehlerfreiheit, sondern die Vergebung in den Mittelpunkt stellt. Sein zu dürfen, gehalten zu werden, wahrgenommen, geliebt, angenommen. Ich bin dankbar, dass das auch für ihn gilt aus einem anderen Land, aus einer anderen Kultur. Er darf sein, wird von Gott wahrgenommen, geliebt, angenommen. Das verbindet uns heute Abend miteinander. Und dafür bin ich sehr dankbar!!! Und habe ich schon erwähnt? Ich meine das nicht böse und will auf keinen Fall herzlos sein oder ungerecht… 

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